Holländische Segeltage

20.-26.06.2021

Dieser zweiwöchige Törn von Den Helder nach Calais wird wohl der kürzeste auf unserer Überführungsstrecke ins Mittelmeer sein. Aber mit Sarah und Chrigu war von vornerein abgemacht, dass Sightseeing und gemütliches Vorwärtskommen Priorität haben werden. Schluessendlich kam es anders raus, aber auch das gehört zu solch einer Reise.


Wie waren wir froh, dass das Wetter am Sonntagnachmittag, als Sarah und Chrigu an Bord kamen, so einigermassen passabel war. Die letzten Tage hatte es nämlich mehrheitlich geregnet und war windig bis stürmisch; nicht gerade das, was wir uns vorgestellt hatten. Der Plan war, durch den „Nordhollandkanal“ mit seinen zehn Hebebrücken bis nach Amsterdam zu motoren – die sogenannte „Staande Mastroute“ – in der Mitte das reizvolle Städtchen Alkmar zu besuchen um dann zwei bis drei Tage die Grossstadt zu geniessen. Da aber eine Brücke vor Alkmar wegen Reparaturarbeiten gesperrt war , fiel dieser Plan schon mal ins Wasser. Keine Angst, Amsterdam wir kommen, aber es musste verdient sein! Wenigstens konnten wir nachmittags noch in unser Lieblingscafé am Kanal sitzen und abends im „Konniglike Jachtclub“ für das EM-Fussballspiel zwischen der Schweiz und der Türkei mitfiebern, das mit einem schönen 3:1 ausging.

Em Spiel Schweiz-Türkei gucken
Der Schiffskanal mit den Oldtimern
Lieblingscafé, aber bei 14 Grad!

Da nun also der Kanal gesperrt war, hiess es „aussen rum“ bis nach Ijmuiden zu segeln, dem Seehafen vor Amsterdam. Und diese Fahrt hatte es in sich: „Windfinder“ prognostizierte wieder mal zu wenig Wind und am Schluss hatten wir Tide gegen Wind, so dass wir die letzten sieben Meilen ohne Fock und mit zweifach gerefftem Grosssegel absegeln mussten, das heisst den Seegang und die Windböen (bis Windstärke 6) in den Griff kriegen mussten. Meine und Regis Steuerkünste waren wieder mal gefragt, aber die Mannschaft hielt sich erstaunlich gut! Wir waren echt froh, dass wir in der Marina Ijmuiden gleich am ersten Steg einen freien Platz fanden, wo wir längsseits anlegen konnten. Ein Trost war der Spaziergang entlang dem unendlich langen Strand, wo im Schutz des Wellenbrechers die Kitesurfer wie verrückt auf und ab flitzten.

Am Strand von Ijmuiden

Amsterdam Marina

Die Fahrt auf dem breiten Fluss Ij – so heisst der Kanal nach Amsterdam – war wenig spektakulär, wenn man von der Schleuse in Ijmuiden absieht. Sie schützt den Grossraum Amsterdam vor Hochwasser. Die 15 Meilen waren am Morgen schnell abgefahren, was uns Zeit gab, das sogenannte NDSM-Gebiet anzuschauen. Hier stand bis 1973 die grösste Schiffswerft der Welt, die jahrelang vor sich hin verlotterte, bis sie um 2000 durch Künstler und Investoren zu neuem Leben erweckt wurde. Heute ist es ein hipper Ort mit vielen Ateliers, Restaurants, Wohncontainer und Museen. Am Eindrücklichsten ist das Streetart Museum, wo riesige Sprayerbilder von perfekter Qualität ausgestellt sind.

Hier entstehen neue Ideen und Lebensräume
Kunsträume in der alten NDSM Werft
Alles gesprayt und meterhoch!

Am Mittwoch war dann endlich Downtown Amsterdam gefragt. Um einen Überblick zu erhalten, buchten wir gleich mal eine einstündige Flussfahrt durch die Grachten. Traumhafte, alte Häuser glitten an uns vorbei, und unzählige Brücken wo tausende von Velos drüber fuhren – kein gescheiter Mensch benutzt hier das Auto – öffneten Durchblicke in wieder neue Kanäle. Und immer wieder trafen wir diese langen, ehemaligen Frachtboote an, die heute fest verzurrt, mit Strom und Wasser versorgt, als hippe Wohnboote genutzt werden.

Die berühmte Prinsengracht
Kanäle, Boote und Velos überall

Doch neben der architektonischen Schönheit, machen natürlich auch die Menschen den Reiz von Amsterdam aus. Nirgendwo anders wie hier trifft man solche schräge, verhaltensoriginelle und bunte Vögel an. Und wer hatte nicht schon von den „Coffeeshops“ gehört, wo nicht Kaffee geschlürft, sondern Joints geraucht werden. Und da soll doch noch das Rotlichtviertel sein, wo die Prostituierten sich beinahe nackt in einem Schaufenster zur Schau stellen. Was bot sich da nicht besser an, als mit kundiger Führung diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Teresa war unser Guide, die mit viel Witz und Hingabe uns alle Sonnen- und Schattenseiten dieser halbseidenen Welt zeigte und erklärte. Sogar eine Peepshow lag drin, was uns die Realität der Fleischeslust auf drastische Art näher brachte; von prickelndem Sex, geschweige denn Erotik war auf jeden Fall gar nichts zu spüren. Selbstverständlich gibt es dazu keine Bilder!

Die Skyline von Nord-Amsterdam mit der Fähre, die uns wieder in die Marina zurückbringt.

Der zweite Tag gehörte dann vornehmlich dem Shoppingfimmel, dem man in dieser Stadt kaum aus dem Weg gehen kann. Auch mir als bekennendem Shoppingmuffel gefielen die neuen Jeans, das passende Hemd und die eleganten Clarks-Schuhe. Das berühmte Anne Frank Museum konnten wir wegen den Corona-Einschränkungen nicht besuchen; es war für zwei Tage ausgebucht.

Marina Scheweningen, der letzte holländische Hafen.

Was blieb, waren so viele verschiedene Eindrücke, die wir erst mal verdauen mussten. Am Samstag waren die holländischen Tage in Scheweningen, dem ewig überlaufenen Hafen, vorbei. Morgen wird die Reise nach Belgien (Ostende) weitergehen und falls die Windbedingungen stimmen, uns bis nach Calais führen. Wie es dann weitergeht, steht noch in den Sternen. Auch hier machte uns Corona einen Strich durch die Rechnung: Die Channel Islands sind nur mit Quarantäne besuchbar. Das wollten wir uns ersparen! >Bericht Teil 2

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