Der erste Sardinientörn 2024

20. April – 2. Mai 2024 PDF-Version

Der erste Törn der Saison hätte nicht härter beginnen können. In zwei Wochen konnten wir gerade mal die Hälfte als Segeltage nutzen. Die unerwartet vielen Sturmtage erforderten einige Umplanungen. In der ersten Woche begleitete uns Edi und in der zweiten noch sein Freund Viktor. Es war spannend und anspruchsvoll!


Ist alles bereit?

Nach einem problemlosen Flug und einer 90-minütigen Autofahrt von Olbia nach Alghero kommen wir um 20 Uhr auf die Sarabella und sind sehr gespannt, wie sie sich nach dem sechsmonatigen Winter präsentiert. Edi begleitet uns für die Saisoneröffnung. Die Crew der Marina und die Schiffswerft von Bosa Marina haben ganze Arbeit geleistet: Die Sarabella ist perfekt überholt, glänzt und ist sogar innen gereinigt worden. Der Strom ist angeschlossen, die Segel sind an Bord, der Frigo läuft auch schon und sogar die Schweizerflagge ist gehisst. Sogar das Wetter stimmt – wolkenlos und 20 Grad – obwohl es 25-30 kn Wind hat. Wir können die Segel erst übermorgen anschlagen. Dafür haben wir genügend Zeit, alles zu testen (Ankerwinch, Navigation, Bugstrahler usw.) Auch unsere geniale Trinkwasseraufbereitung funktioniert nach dem Filterwechsel problemlos. Für das Abendessen haben Regi und Edi ein wunderbares Fischessen – frisch vom Markt – vorbereitet.

Ans Auslaufen ist noch nicht zu denken!
Alles ist bereit – nur die Segel müssen noch angeschlagen werden.
Alghero – der alte Wehrturm ...
die Stadtbefestigung
… und ein Steinkatapult.
Alghero by night …
Erstes Essen an Bord -Frischer Fisch vom Markt

Heute können wir endlich die Segel anschlagen. Die drei schweren Segel (Gross, Fock und Reacher zusammen 180 kg) beschäftigen uns den halben Tag. Am Abend können wir dann noch die Sprayhood mit den Solarpanels und das Bimini installieren. Morgen Montag soll es losgehen um die Nordspitze bis nach Castelsardo. Windprognose: drei bis vier Beaufort NW. Für Dienstag/Mittwoch ist aber wieder Starkwind um sechs bis sieben (!) Bf und viel Seegang angesagt.

Die drei Segel wiegen 180 kg- Schwerarbeit!

Erster Segeltag – und wie!

Für den ersten Segeltag der Saison stellt man sich wohl eine Art easy-peasy Segeltag vor. Daraus wird nichts! Es herrscht Wind 4-5 Bf West und meterhohe Wellen wegen dem seit Tagen anhaltenden Mistral, der hier Maestrale heisst. Die Steuerarbeit unter Halbwind ist sehr anstrengend und einmal überrollt eine Riesenwelle das ganze Schiff und spritzt bis in den Salon. Nach vier Stunden können wir die Fornelli-Passage passieren, abfallen und raumschots unter Reacher mit acht Knoten Richtung Castelsardo ablaufen. Auch die Wellen haben gottseidank merklich nachgelassen. Nach einer halben Stunde Funken und Runden drehen im Hafen (bei 20 kn Wind und vergeblichen Anlegeversuchen!) können wir nur dank einem zufällig anwesenden Segler, der unseren Funkruf für die Anlegehilfe mithört, nach 63 Meilen längsseits an der Mole anlegen. Regi kocht noch supergute Tortellinis und dann fallen wir todmüde in die Koje.

Es ist kalt und windig für den ersten Segeltag!
60 harte Meilen bis Castelsardo
Kein Marinero – keine Hilfe!

Sturm – Hafentage

Die Windprognose für die nächsten Tage: 33 Knoten Wind!
Selfie vor Castelsardo

Die Windprognosen für die nächsten drei Tage sehen beschissen aus: Sechs Beaufort und drei Meter Seegang! Wir müssen wahrscheinlich drei Hafentage einlegen. Dafür ist dieser Ort ideal. Heute ist der Besuch der sehenswerten Altstadt von Castelsardo vorgesehen. Den Plan bis Freitag nach Olbia zu kommen um den Freund von Edi an Bord zu nehmen, müssen wir wahrscheinlich vergessen. Wenn wir schon nicht segeln können, machen wir wenigstens einen Molenspaziergang, lassen uns anspritzen und machen ein Selfie vor der pittoresken Kulisse.

Da am dritten Hafentag noch mehr Seegang (2.50 m u.m.) und noch mehr Wind (Bf 6+) herrscht, machen wir heute einen Ausflug per Bus zum Hauptort von Sardinien: Sassari. Wir schauen uns den berühmten Dom und die grosszügige Piazza d’Italia mit seinem monumentalen Regierungsgebäude an. Daneben gibt es viele, schmale Gässchen mit leicht verlotterten Häuschen. Man sieht schnell, dass hier das Geld für nachhaltige Reparaturen der Altstadt fehlen. Eine lustige Anekdote, die zu diesem Regierungsort passt, erzählt uns Edi: Sardinien wollte nach der Idee von zwei verrückten Italienern (2013) tatsächlich ein Kanton der Schweiz werden. Der «maritime Kanton», für den Andrea Caruso und Enrico Napoleone kämpfen, sei zum Vorteil beider Parteien. Sardinien würde vom Anschluss an die wirtschaftlich starke Schweiz und dem funktionierenden Staat der Eidgenossenschaft profitieren. Umgekehrt hätte die Schweiz Zugang zum Meer. «Es passt perfekt», sagt Caruso. (>Videoclip)

Sassari – Das Regierungsgebäude
Der bekannte Dom

Nichts von weniger Wind!

Was anfänglich nach einer angenehmen Fahrt von 30 Seemeilen bis zur Nordspitze von Sardinien aussieht, entwickelt sich zu einer anstrengenden Kreuzerei. Die ersten zehn Meilen segeln wir zwar gemütlich bei drei Beaufort und können vom Winddreher nach Nord profitieren. Doch dann frischt der Wind auf fünf Beaufort auf, je näher wir der Strasse von Bonifacio kommen und wir müssen schnell mal das zweite Reff im Grosssegel einziehen. Für die letzten 15 Meilen dreht der Wind zu unseren Gunsten zurück auf Ost, so dass wir uns einen langen Holeschlag ersparen können. Am Schluss stehen trotz allem 50 Meilen auf dem Log. Um 17.20 Uhr haben wir in der Marina Teresa Gallura angelegt und Viktor kommt abends für nächste Woche an Bord. Wir sind erstaunt über den günstigen Liegeplatzpreis: € 28 !

Nichts von gemütlich segeln!
Edi nimmts sportlich.
Angelegt in der Marina Santa Teresa die Gallura.

Ausflug nach Korsika: Bonifacio

Um zehn Uhr legen wir in Teresa Gallura ab und können bei idealen 16-18 Knoten (4-5 Bf) auf Halbwindkurs geradewegs Kurs auf Korsika (Bonifacio) nehmen. Viktor steuert die kurzen acht Meilen zum ersten Mal und ist hell begeistert. Wir können längsseits gehen, was in diesem Felsenhafen wirklich eine Seltenheit ist. Der Liegeplatzpreis ist trotz Nebensaion beachtlich: €105

Nur acht Meilen -aber schönste Bedingungen
Der Hafen von Bonifacio.

Heute „Sonntagsfährtli“

Heute gibt es ein richtiges „Sonntagsfährtli“: Kaum sind wir aus dem Hafen von Bonifacio raus, schaffen wir nur unter Fock auf Halbwindkurs acht Knoten Fahrt, was Viktor, der unbedingt wieder das Steuer übernehmen will, in Begeisterung versetzt. Da wir hier eine viel befahrene Schifffahrtsstraße queren, werden wir von Bonifacio Traffic Control zu einem Ausweichmanöver wegen einem türkischen Frachter aufgefordert. (Mit dem AIS ist man halt immer unter Kontrolle). Es sind nur zehn Meilen bis in die Maddalenas und wir machen deshalb einen ausgiebigen Lunchhalt vor Anker (das erste Mal diese Saison) in einer Bucht auf Spargi. Das erste Bad (15 Gad Wassertemperatur) wird aus verständlichen Gründen verschoben. Wir können beim Ankerauf-Manöver das erste Mal unsere neuen Funkgeräte testen, so dass die Kommunikation trotz heftigen Böen „laut und klar“ ist. Der Hafen von Gala Gavetta ist gut geschützt gegen den Ostwind, so dass wir auch ohne Hilfe der Marineros, die offensichtlich immer noch im Winterschlaf stecken und auf den Funk nicht reagieren, anlegen könnten.

Ankerhalt auf der Insel Spargi
Morgenstimmung in Cala Gavetta.

Porto Vecchio – nah ja

Nach einer ruhigen Nacht in Cala Gavetta nehmen wir um zehn Uhr die 25 Meilen zurück nach Korsika, genauer Porto Vecchio Kurs Nord, unter den Kiel. Wir haben nach wie vor Nordostwind um fünf Beaufort und kreuzen hart am Wind im zweiten Reff. Es gibt fast einen Anleger, nur am Ende müssen wir ein paar Mal wenden, damit wir um den Punta di Chiappa kommen um in den Golf von Porto Vecchio einzubiegen. Auch im Hafen weht es noch mit 20 Knoten und die Marineros lotsen uns ausgerechnet in einen Platz mit Seitenwind ohne Anlehnmöglichkeit im Lee. So kommt es, dass die Sarabella sich trotz Bugstrahler quer legt und mit dem Heck den ungeschützten Betonpier(!) berührt. Hätte Regi nicht noch schnell einen Fender quer über die Heckkante gelegt, wäre grosser Schaden entstanden. Der Marinero wurde mit seinem Dinghi zwischen Boot und Pier eingeklemmt, da er sich auf der falschen Seite platziert hatte. Auch die Mooringleine war auf der falschen Seite! Kein Ruhmesblatt für diese Marinacrew! Hinzu kommt, dass wir noch einen Stromadapter für € 300 Depot (!) hätten ausleihen müssen, den wir noch selber hätten verdrahten müssen. Ich war echt wütend und das kommt relativ selten vor! Die Crew besucht noch die Altstadt. Heute Abend kocht unser Kochprofi Viktor seinen Fisch, den er morgens frisch beim Fischhändler in Cala Cavetta gekauft hat.

Gerade aus nach Porto Vecchio.
Profikoch Viktor und Edi kochen ein exzellentes Fischmenü.

Delphine!

Wir segeln bei optimalen Raumwindbedingungen zurück nach Cala Gavetta. Ganz aus dem Häuschen ist unsere Crew, als vier Delphine die längste Zeit vor unserem Bug spielen. Am Mittag machen wir einen Ankerhalt vor der Insel Budelli. Das smaragdblaue Wasser wäre ideal zum Baden, wenn es nicht mit fünf Beaufort blasen würde und das Wasser wärmer wäre (15 Grad). Die schönen Segeltage sind nun vorbei. Morgen wechselt das Wetter und auf Donnerstag wird wieder Sturm angesagt. Wir werden deshalb einen Tag früher nach Olbia zurückkehren müssen.

Delphinsichtung – immer wieder faszinierend!
Woher kommt das Wasser in der Backskiste? Es ist der Kompass!

Am Mittwoch 01. Mai (Tag der Arbeit auch hier in Sardinien), gibt es doch noch Arbeit: Der Kopfteil der Gästekabine ist nass und es stellt sich heraus, dass der Steuerkompass an Deck ein Leck hat. Wir dichten die Halterung ab und hoffen, dass es nicht der Kompass selber ist. Wir legen heute nochmals einen Hafentag ein und verzichten auf einen Zwischenhalt in Cannignone, der mit € 90 eh viel zu teuer gewesen wäre. Edi und Regi machen noch eine Wanderung auf die Inselspitze.

Nochmals ein Sturmtag!

Heute Donnerstag, dem zweitletzten Segeltag, gibt es nochmals einen Starkwindtag für die 30 Meilen bis Olbia. Glücklicherweise erwischen wir gerade ein Flautenfenster beim Ablegen in Cala Gavetta. Kaum sind wir aus den Maddalenas-Inseln um das Capo Ferro heraus gesegelt und haben in Ruhe den Znüni-Kafi genossen, müssen wir vom Reacher auf die Fock wechseln, da der Wind böig wird (15-25 Knoten). Beim Einbiegen in den Golf von Arranchi legt er noch einen Zacken zu und bei Windstärke sieben ist das Ende der Fahnenstange erreicht, wir rollen die wild schlagende Fock ein und motoren die letzten fünf Meilen gegenan. Genau als wir in die Marina einbiegen wollen, hat es Spitzenböen um 35 Knoten und ich muss über Funk fragen, ob wir überhaupt reinfahren dürfen. Der Marinero winkt und lotst uns längsseits an einen Luvpier (!) und nur mit viel Gas, Bugstrahler und acht Fender gelingt es uns, ohne Rums anzulegen, was uns sogar noch ein respektvolles „Bravo“ des Marinero einbringt. Der zweiwöchige Törn ist damit nach 236 Meilen, davon 200 (!) gesegelt, glücklich zu Ende gegangen.

Bei 35 Knoten Seitenwind angelegt. Rekord!
Wir schützen die Sarabella mit allen Fendern, die wir haben!

Wie richtig unsere Entscheidung war, einen Tag früher in die Marina zurückzukehren, zeigt sich am nächsten Tag: Es weht mit durchschnittlich 30 Knoten, Böen um die 40 Knoten. No more sailing!

Törnstrecke: Alghero – Castelsardo – Santa Teresa – Bonifacio – Cala Gavetta – Porto Vechio – Cala Gavetta – Olbia. Total: 236 Meilen, gesegelt: 207 Meilen

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